Die Ausbreitung der Sarmaten

und ihr scheinbares Verschwinden

Als römische Söldner nach Westen

Während der frühen römischen Kaiserzeit waren die verschiedenen sarmatischen Stämme von ihrem langjährigen Aufenthaltsgebiet nördlich des Schwarzen Meeres langsam mit ihren Viehherden nach Westen gewandert (→ Lebenräume und Ausbreitung der Sarmaten, dunkelgrün). Um das Jahr 180 n. Chr. waren Gruppen davon bereits an der mittleren Donau im damaligen Pannonien (Ungarn) angekommen, wo die Puszta gutes Weideland bot. In einem Krieg der germanischen Markomannen gegen die Römer waren die dortigen Sarmaten mit den Markomannen verbündet, doch siegte der Kaiser Mark Aurel, und als Kriegsentschädigung mussten mehrere sarmatische Dracones gewissermaßen als Gefangene in römische Dienste treten und wurden nach Britannien verlegt. Dort haben ihre Nachkommen wahrscheinlich bis nach dem Ende der dortigen Römerzeit überlebt, vor allem wohl in Wales.

Ein sarmatischer Draco war ein Regiment militärisch organisierter Hirtenkrieger unter adligen Anführern, vielleicht 500 Krieger plus Frauen, Kindern und dem dazu gehörigen Gefolge aus der unteren Gesellschaftsklasse, insgesamt ein autarker Volkskörper von 2000 bis 3000 Köpfen. Dem jeweiligen Anführer wurde an einer Stange ein aus Metall getriebener Drachenkopf mit einem „Windsack“ aus Stoff voran getragen, daher der Name. Derartige Abzeichen hat man später für Regimentsfahnen aller römischen Reiterregimenter gehalten, doch kamen sie ursprünglich von den Sarmaten.

Nach dem Vorbild aus dem Markomannenkrieg wurden in den nächsten Jahrhunderten etliche solche Gruppen als Söldner in die römische Armee eingestellt, entweder auf freiwilliger Basis oder durch ähnliche Friedensschlüsse gezwungen. Diese Sarmaten waren als schwere gepanzerte Reiter mit langen Lanzen eine Elitetruppe. Man weiß von der Stationierung solcher  sarmatischen Einheiten in Gallien, Oberitalien und im Hunsrück aus dem 4. Jahrhundert, nur leider keine Einzelheiten (→ Karte Ausbreitung der Sarmaten, blaue Pfeile). Ein anderer Draco geriet nach Belgien (→ Das Geheimnis der Merowinger)

Lebensraum und Ausbreitung der Sarmaten

Auf der Flucht vor den Hunnen

Mit der Furcht vor den Hunnen hatten  bald danach andere Züge sarmatischer Stämme nach Westen zu tun. In Jahr 406 n. Chr. flüchtete nach Berichten römischer Zeugen eine riesige Schar von Menschen aus dem von Hunnen bedrohten Pannonien nach Westen, an der Donau entlang durch Süddeutschland. Es waren Vandalen und Sueben und Alanen, die letzteren ein Stamm der Sarmaten. In der Neujahrsnacht 407 überquerte diese  Völkerwanderung angeblich den zugefrorenen Rhein bei Mainz, plünderte diese römische Stadt und zog dann weiter nach Westen, nach Gallien hinein, wo einige Jahre lang weiter geplündert und geraubt wurde, bis der Heerwurm nach Spanien weiter  marschierte. .Eine Teilgruppe der Alanen hielt den verbündeten Vandalen die Treue und begleitete diese später bis nach Tunesien, wo sich ein Königreich der Vandalen und Alanen noch hundert Jahre lang hielt.  Ein anderer Teil der nach Gallien geflüchteten Alanen hatte sich mit ihrem Anführer zerstritten, ging zu den Römern über und wurde als Söldner in Gallien eingesetzt. (Auf der Karte nicht eingezeichnet).

Doch auch Sarmaten aus einem anderen Stamm müssen an dieser Völkerwanderung teilgenommen haben. Wahrscheinlich zogen sie mit ihren großen Herden langsam hinter den germanischen Gruppen her und blieben in der Gegend rund um die Mündung des Mains in den Rhein hängen. Römische Behörden oder Soldaten gab es dort nach 407 nicht mehr, aber viele halb barbarische, halb romanisierte Bauern, von denen die Sarmaten Getreide, Gemüse und andere bäuerliche Erzeugnisse gegen Fleisch, Milch, Leder und Wolle tauschen konnten.

In der Zeit der hunnischen Herrschaft in Osteuropa,  etwa von 410 bis 454, mussten alle fremden Völker, die unter die  Oberhoheit der Hunnenkönige geraten waren, Lebensmittel und Krieger für deren Feldzüge liefern, Goten und andere Germanen, aber auch Sarmaten, hauptsächlich in der Puszta Pannoniens. Aber wenn sie das taten, ließ man sie wahrscheinlich in Ruhe ihre Herden weiden.

Auswanderungen nach der Hunnen-Zeit

Doch danach, nach Attilas Tod, nach der Niederlage von Attilas Söhnen in einer Schlacht in Ungarn 454 gegen Gepiden und andere Germanen in Pannonien,  war es dort auf einmal mit der Ruhe vorbei. Mehrere Germanenstämme führten unentwegt erbitterte Kriege gegeneinander, wo vorher friedlicher Ackerbau und Viehzucht möglich gewesen war.

Die Sarmaten, die noch in Pannonien lebten, wanderten in Gruppen nach und nach aus. um diesem Chaos zu entgehen. (à Karte Ausbreitung der Sarmaten, rote Pfeile). Eine dieser Gruppen muss um das Jahr 460 aus Ungarn mit Mann und Frau und Kind und Herden nach Nordwesten gezogen sein.. Sie trieb ihre Herden durch Mähren, Böhmen an der Elbe entlang, durch Thüringen nach Westen. Im nordöstlichen Teil Westfalens, vor allem nördlich der oberen Lippe,  besetzte sie das als Weideland geeignete Gebiet.  Die dünne germanische Bauernbevölkerung dort wird versucht haben, sich zu wehren und war empört über die „Übeltäter“, die da plötzlich über sie kamen. Aber auf die Dauer scheint es doch zu einem recht friedlichen Zusammenleben gekommen sein. Denn  b e i d e  Gruppen profitierten vom Austausch ihrer Erzeugnisse.

In späteren Jahrzehnten scheinen sich diese sarmatischen Hirten mit ihren adligen Anführern weiter nach Norden, ins heutige Niedersachsen, vor allem zwischen Weser und Ems, ausgedehnt zu haben, von dort vielleicht weiter nach Westen in die heutigen Niederlande und nach Belgien. Hier in Norddeutschland wuchsen sie mit den germanischen Einwohnern zum Neustamm der Sachsen zusammen, wie wir ihn aus dem 8. und 9. Jh. kennen.

Eine andere größere Sarmatengruppe, aber wahrscheinlich aus einem anderen Stamm,  dürfte wenige Jahre später aus Pannonien auf dem gleichen Weg  nach Thüringen gewandert sein. Am Ende des 5. Jahrhunderts haben diese Sarmaten dort  ein Königreich begründet, das bis zum Jahr 531 Bestand hatte. Danach wurde es von den Königen der Franken überfallen und erobert. Dies dürfte  mit Erbansprüchen der mit den thüringer Sarmaten verwandten Merowinger-Königen zu tun gehabt haben.

Schließlich ist noch ein weiterer Stamm der  Sarmaten mit dem Namen Turci oder Turkerer – nicht zu verwechseln mit den heutigen Türken ! – kurz nach dem Jahr 475 an die obere Donau ins heutige „Schwabenland“ geraten,  vom Osthang der Schwäbischen Alp bis zum mittleren Neckar. Sie waren erbitterte Feinde der Ostgoten und Verbündete des Germanen Odoaker, der den letzten weströmischen Kaiser abgesetzt hatte und für fast zwei Jahrzehnte Italien regierte. Wahrscheinlich hat dieser Odoaker die Turci zum Schutz der Sueben an die oberer Donau geschickt, die ebenfalls Feinde der Ostgoten waren. Diese Turci müssen dort gelebt haben, wo man heute noch Schwäbisch – und  nicht Alemannisch ! – spricht.

Gründung neuer Völker in Osteuropa

Alle diese Sarmaten sind damals zwar aus der „geschriebenen Geschichte“ verschwunden, aber sie sind nicht physisch untergegangen, etwa gar ausgerottet worden. Vielmehr haben die adligen Anführer dieses berittenen Hirtenvolks stillschweigend die Zügel über die Bauern vieler der neuen Völker in die Hand genommen, die im Frühmittelalter zwischen Schwarzen Meer und Ostsee bis hin zur Nordsee und dem Atlantik entstanden. Sie haben überall die Sprache ihrer neuen Untertanen übernommen, aber sich – im Gegensatz zu den Römern und auch zu den germanischen Könige der Völkerwanderungszeit im Süden und Westen Europas – für das Wohlergehen der von ihnen beherrschten Völker verantwortlich gefühlt.

Solche von den Sarmaten geprägte neue mittelalterliche Völker waren  die Polen, die Kroaten und Serben, die Bulgaren, einige –nicht alle ! – der slawischen Stämme, die in Deutschland damals neu auftauchten, nämlich die Obotriten und die Sorben, aber auch die baltischen Pruzzen und die Litauer. Auch die alten Briten oder vielmehr Waliser vor ihrer Eroberung durch die Angelsachsen gehörten wahrscheinlich dazu (→ Karte Ausbreitung der Sarmaten, rote Kreise).