Das Geheimnis der Merowinger

Die „Wandersage der Franken“ neu gesehen

Die Quellen zur folgenden Darstellung sind der Geschichtsforschung seit dem Frühmittelalter theoretisch immer zugänglich und bekannt gewesen,, man hat ihnen nur nie geglaubt. Erst neue  Forschungen  nach den Sarmaten in Ost- und Mitteleuropa und nach den Ursprüngen des „Königsreichs der Franken“ und der Merowinger-Dynastie (→ Indizien: Alte schriftliche Texte) ergaben zahlreiche Hinweise, dass die so genannte „Wandersage der Franken“ oder auch ihre „Troja-Mär“ ganz anders gesehen werden muss. (→ Karte Die Wanderung der sarmatischen Sicambrier).

Ein sarmatischer Draco war wohl Anfang des 4. Jahrhunderts freiwillig als Söldner in römische Dienste getreten und am Ufer der Donau beim heutigen Budapest stationiert worden. Ihr  Kastell hieß Sicambria. Im Jahr 365 wurde diesen Kriegern  vom Kaiser Valentinian I. befohlen, eine Gruppe Alanen zu bekämpfen, die Überfälle auf römisches Gebiet verübt hatte. Das gelang den Leuten aus Sicambria, sie wurden belobigt und mit einem Steuererlass für zehn Jahre belohnt. Doch als nach dieser Zeit ein römischer Steuereintreiber wieder Geld von ihnen haben wollte, erschlugen sie ihn. 

Von der Donau an die Schelde

Vor der folgenden Strafexpedition römischer Truppen flüchteten die Sarmaten aus Sicambria über die Donau nach Norden, durch das damals von Germanen bewohnte Gebiet Mährens und Böhmens an der Elbe entlang nach Thüringen. Mit den germanischen Thüringern einigten sie sich: sie wollten in deren Gebiet friedlich ihre Herden weiden lassen, den Thüringern Geiseln stellen und ihnen von ihrer berühmten Pferdezucht Erträge abtreten. Doch schon nach zwei Jahrzehnten kam es zum Streit mit den Thüringern, die Sicambrier mussten erneut die Flucht antreten.

Zu ihrem Glück fanden sie Zuflucht am Niederrhein. Die römischen Militärbehörden suchten dringend  Söldner für ihren Rhein-Limes;  woher die kräftigen sarmatischen Krieger kamen, war ihnen gleichgültig. Für ein reichliches Jahrzehnt bewachten die Sicambrier ein römisches Kastell beim heutigen Xanten (der einstigen „Colonia Ulpia Traiana) an der Mündung der Lippe in den Rhein. Doch bereits um 413 wurde der sicambrische Draco nach Westbelgien verlegt, nach dem Lager Fanum Martis an der Schelde (zwischen Tournai und Cambrai). 

Der Weg des sarmatischen "Draco" der Sicambrier (Vorfahren der Merowinger) zwischen 365 und 415 n. Chr.

 

Ordnungsmacht wider Willen

Dort verbrachte der Draco sarmatischer Krieger Jahrzehnte mehr oder weniger ereignislosen Wartens. Die Feinde von Norden, die die Römer erwarteten, kamen nicht mehr, stattdessen zerfiel die Herrschaft und die Wirtschaft der Römer hier Stück für Stück. Das betraf vor allem die  römische Provinz Belgica Secunda, wo die Sicambrier Wache hielten, aber auch die anderen Provinzen im Norden Galliens, Germania I und II und Belgica I.  Die zivilen und die militärischen Behörden des Reiches verschwanden hier stillschweigend, Steuern konnten nicht mehr erhoben werden, weil kein Bargeld mehr da war. Die kapitalkräftigen Römer hatten sich damit in ruhigere Gebiete des Reiches in Sicherheit gebracht. Da ein giraler Geldverkehr noch nicht erfunden war, blieben die armen Bauern und kleinen Handwerker ohne Münzen und damit ohne Geld zurück. Der Rückfall in eine reine Naturalwirtschaft war die Folge. Die sarmatischen Krieger waren davon nicht betroffen, sie waren durch ihre Herden und etwas Landwirtschaft Selbstversorger und empfingen schon lange keinen Sold mehr in Geld, sondern in der Form der Befreiung von der Kopfsteuer. 

Der Draco der Sicambrier hatte, seit er am Rhein angekommen war,  nie Anlass zu Streit mit den Römern gehabt. Doch kurz nach der Mitte des 5. Jahrhunderts standen seine Anführer zu ihrer eigenen Überraschung als die letzten Vertreter der römischen Staatsmacht im ganzen Norden der Provinz Belgica Secunda da. Um ihre eigene Sicherheit und Zukunft zu sichern, nahmen sie die Leitung  einer hilflosen, völlig verarmten Bevölkerung in ihre Hände. Sie ordneten die Umstellung der Steuererhebung von einer Steuer in baren Münzen auf Naturalleistungen an, den sogenannten „Zehnten“, der seitdem im gesamten Mittelalter Bauern auferlegt wurde.

 

Eine Hochzeit machte die Merowinger „heilig“

Schon zu Beginn dieser Zeit  der Sicambrier in Belgien muss es zur  Hochzeit eines Prinzen aus der Familie ihrer Anführer gekommen sein, die seinen Nachkommen den Ruf der Heiligkeit verlieh.

Der Prinz Chlodio oder Chlogio dürfte etwa im Jahr 414 eine Erbtochter aus einer jüdischen Familie in Südfrankreich geheiratet haben, die von sich behauptete, „Despoyni“ zu sein, „Erben des Herrn“. Das war eine Sekte unter den Juden, deren Anführer geltend machten, direkte leibliche Erben des jüdischen Messias Jesus zu sein.

Der älteste Sohn aus dieser Ehe Chlodios mit einer angeblichen Prinzessin Frimutel war Merowech. Nach ihm, dem ersten Träger des „Blutes Jesu“, nannte sich dann die spätere Dynastie „Merowinger“. Sein Sohn Childerich war der letzte „heidnische“ König und Anführer des Draco der Sicambrier und erhielt nach seinem Tod 482 in Tournai ein wahrhaft königliches Begräbnis als  Sarmate mit zahlreichen Pferdegräbern (→ Indizien: Pferdegräber). .

 

Zwei historische Gegebenheiten mussten verschleiert werden

Der junge König Chlodwig, sein Nachfolger, war ein nüchterner Machtmensch. Im Jahr 486 brach  er mit seinem Nachbarn und bisherigen Verbündeten Syagrius und eroberte dessen Gebiet, in dem das „Römertum“ noch einigermaßen funktionierte. Chlodwig wollte gerne auch den Rest Galliens erobern, die Reiche der Westgoten und der Burgunder. Dafür brauchte er die Unterstützung der mächtigen katholischen Bischöfe Galliens. In den Reichen der arianischen Könige im Süden waren die Katholiken schwer bedroht. Insofern waren die Bischöfe und Chlodwig natürliche Verbündete, denn die Geistlichen hofften auf kräftige Unterstützung durch einen starken König gegen die arianischen Feinde.

In diesen Jahren nahm der Sicambrier-König Chlodwig der Titel „König der Franken“ an. Er wollte sich damit den Königen der Westgoten und der Burgunder gleichstellen. „Franken“ waren nach der Überzeugung damals alle die barbarischen Völker, deren Krieger immer wieder von jenseits des Niederrheins plündernd ins römische Reich eingefallen waren. Von einer „germanischen“ Verwandtschaft war noch nicht die Rede. Die Römer hatten Furcht vor diesem Namen, und zugleich verachteten sie diese Leute, obwohl sie später viele davon als Soldaten gegen guten Sold bei sich eingestellt hatten.

Nun war mit Chlodwig ein „König der Franken“ Herr über einen großen Teil Galliens und seiner römischen Bevölkerung. Die sollte vor ihm furchtsame Scheu empfinden, aber möglichst rasch auch vergessen, dass dieser König eigentlich gar nichts mit den „Franken“ zu tun hatte, sondern  ursprünglich Sarmate war. 

Nicht mehr Sarmaten, sondern Franken; nicht mehr „Erben Jesu“, aber heilig

Eine Taufe des bisherigen „Heiden“ Chlodwig als katholischer Christ lag also im Interesse sowohl dieses Königs wie der katholischen Bischöfe in Gallien. Dem stand nur die Behauptung entgegen, der König Chlodwig sei ein leiblicher Erbe Jesu. Das konnte die katholische Kirche unmöglich akzeptieren, sie hätte ihre gesamte theologische Grundlage verloren er

Das offizielle Christentum konnte seit dem Apostel Paulus und dessen Lehren und vor allem seit dem Konzil von Nicäa  325 niemals zugeben, dass Jesus – „Gott-Sohn“ und Teil der heiligen Dreifaltigkeit – verheiratet gewesen sei, mit Maria Magdalena, wie das Neue Testament nur in Andeutungen verrät, und gar Erben gehabt habe. Das hätte den Aposteln und ihren Nachfolgern, den Bischöfen, jede Berechtigung entzogen, die Kirche zu leiten.

Ein Kompromiss ist dann wohl darin gefunden worden, dass sich Chlodwig als Katholik taufen ließ, dabei aber darauf verzichtete, künftig noch zu behaupten, er sei ein leiblicher Nachkomme Jesu. Doch die in ihm wohnende Heiligkeit durfte ihm nicht genommen werden. Sie hatte nach dem Wunderglauben der Zeit ihren Sitz in seinem langen, lockigen, ungeschnittenen Haupthaar, das auch später noch  a l l e  Könige der Merowinger-Dynastie auszeichnete.

Der merkwürdige Taufspruch des Bischofs Remigius für König Chlodwig – vermutlich aus dem Jahr 496 – ist bis heute rätselhaft geblieben.: „Beuge mild deinen Nacken, Sycambrer, verehre, was du verbrannt hast, verbrenne, was du verehrt hast.“ Man hat den Namen „Sycambrer“ meist für eine altertümliche Bezeichnung der „Franken“ gehalten.

Der Taufspruch war wohl in Wirklichkeit eine verschlüsselte Botschaft des Kirchenmannes an den angeblichen Frankenkönig, dessen wahre Herkunft ihm natürlich noch bekannt war. Beide Seiten, Kirche und König, müssten zusammenarbeiten, um zwei historische Wahrheiten zu unterdrücken, die jedem Teil gefährlich werden konnten.

Erst vor kurzem wurde das Geheimnis gelüftet

Das haben Kirche und Frankenkönige auch gemeinsam getan, und es hat bis heute gewirkt. Jedenfalls hat kein Historiker daran zu zweifeln gewagt, dass der König und seine Vorfahren „Franken“ waren. Erst in der nationalistisch gewordenen Neuzeit wurde daraus die Überzeugung: „Franken“ könnten nur  G e r m a n e n  sein.

Ebenso hat bis vor wenigen Jahren niemand öffentlich die ketzerische Behauptung erhoben, König Merowech und seine Nachkommen hätten ihre besondere Heiligkeit – die als solche stets bekannt und nie bestritten war – daher erhalten, dass sie leibliche Erben Jesu seien.

Erst einige englische Wissenschaftsjournalisten scheinen am Ende des 20. Jahrhunderts in Frankreich durch Zufall auf dieses Geheimnis gestoßen zu sein, das aber offenbar in winzigen, streng geheimen Zirkeln bis in die Gegenwart bewahrt worden ist (Rennes-le-Chateau, Prieuré de Sion). Der amerikanischer Bestseller-Autor Dan Brown machte daraus eine Riesen-Sensation („The Da-Vinci-Code“; deutscher Titel  „Sakrileg“). Doch gerade deswegen wurde der vermutlich wahre Kern der Geschichte nicht ernst genommen.